Montag, 18. Juli 2011

Wochenbettdepression - Mutter und Kind finden nach der Geburt nicht mehr zueinander

Wenn statt des Glücks nach der Geburt die Traurigkeit Stammgast wird

In Werbefilmen für Windeln oder Säuglingsnahrung halten sie strahlend ihre Babys im Arm: Junge Mütter gelten als das Sinnbild des Glücks schlechthin. Doch wenn sich dieses Gefühl nach der Geburt nicht einstellen will oder schon vor der Entbindung eine unendliche Traurigkeit über die Schwangere kommt – was dann?
Wenn Mütter ihrer Neugeborenen nicht so lieben können wie sie es erwartet haben. Wenn sie gar den Anblick ihres Babys nicht ertragen. All das sind für Birgit Klaus Alarmzeichen einer Wochenbett-Depression. Birgit Klaus leitet die erste Selbsthilfegruppe im Land für Betroffene dieses Krankheitsbildes. Das bestätigt die Landesarbeitsgemeinschaft für Selbsthilfeförderung.
„Es ist eine unwahrscheinliche Traurigkeit“, beschreibt Birgit Klaus die Warnzeichen. „Das Lächeln fehlt, das für das Baby so wichtig ist, die Bindung zum Kind ist nicht da. Beim Stillen schauen sie weg vom Säugling.“ Mit Folgen für das Kind: „Das Baby weiß, dass seine Mutter da ist, aber die Mutter kann kein Zeichen mehr geben. Sie redet mit dem Kind kaum noch, wird im schlimmsten Fall ihm gegenüber aggressiv. In solchen Fällen kann es zur Selbstgefährdung und Gefährdung des Kindes kommen“, warnt Birgit Klaus.
Hilfe ist dann dringend nötig. Für Frauen, die Anzeichen einer solchen Depression bei sich erkennen, aber auch für deren Angehörige ist nun die Selbsthilfegruppe da. Zu ihr gehören auch Hebammen. Anlaufstelle ist auch die Asklepiosklinik. Das bestätigt Oberärztin Angela Enzmann.
„Es ist eine Krankheit, die behandelbar ist und vorbei geht“, sagt Birgit Klaus. Wichtig sei, dass das Thema aus der Tabuzone komme. Birgit Klaus engagiert sich im Netzwerk Gesunde Kinder. Deren Koordinatorin Andrea Schumacher bezeichnet das Problem der Wochenbett-Depression als zunehmend. Das sagt auch Hebamme Sandra Jaeckel. Grund seien die zunehmende Isolation der Mütter durch fehlende familiäre Unterstützung etwa seitens der eigenen Eltern und der Druck der Leistungsgesellschaft. „Alles muss funktionieren, das Stillen, das Fördern des Kindes mit Pekip, Babyschwimmen, Babymassage.“ Und wenn das Kind schlafe, werde der Haushalt erledigt, statt dass sich die Mutter selbst einmal ausruhe: Die Folge ist völlige Überforderung und Zweifel an sich selbst, keine gute Mutter zu sein. All das könne die Psyche krank werden lassen: „Ich schätze, dass zehn Prozent der jungen Mütter davon betroffen sind. Die Dunkelziffer aber liegt höher, weil die Frauen nicht darüber sprechen.“ Auch vielen Ärzten und Hebammen sei das Krankheitsbild „noch nicht bewusst“, so Sandra Jaeckel.

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